Artikel aus der Heilbronner Stimme vom 23.11.2002
Ein Bonsai-Motodrom für Leute mit Benzin im Blut
Von Helmut Buchholz
Es ist ein Gefühl irgendwo zwischen Formel-1-Pilot Michael Schumacher
und Gullivers Reisen. Auch wenn das ein wenig schräg klingt, aber es trifft
den Kern: Denn die großen Jungs vom Rennbahncenter "Vollgas " in Böckingen haben
ihr Kind im Manne wiederentdeckt und fühlen sich in einer auf Kleinstmaß geschrumpften
automobilen Welt pudelwohl.Zusammen haben sie in einer mühevollen Kleinarbeit
eine Carrera-Rennbahn von 32 Metern Länge aufgebaut - mit vier Spuren.
Ein gigantischer Mikrokosmos und ein kleiner Heilbronn-Ring für Leute mit Benzin
im Blut und dem Faible für Geschwindigkeit. Vergessen wir also Nürburgring und
alle Motodroms dieser Welt obendrein. Große und kleine Motorsportler können
auch in Böckingen Gummi geben.Zum Beispiel Thomas Hald. Der Horkheimer hat auf
seinem Dachboden eine 23-Meter-Carrera-Rennbahn stehen. Natürlich auch Marke
Eigenbau. Dorthin flüchtet er sich ab und an - zur Entspannung. Seinen 17 Monate
alten Sohn Nils hat er schon infiziert. Das Kind kann zwar noch nicht richtig
Papa sagen, aber das Wort "Auto" kommt schon klar und deutlich über die Lippen
des Dreikäsehochs.
Oder Georg Hoffmann. Wie viele der so genannten "Slot-Racer" - so heißen kleine
und große Rennfahrer im Fachjargon, die mit Spielzeugautos über eine Miniaturpiste
jagen - baut auch der 42-jährige Oedheimer seine Bonsai-Boliden selbst. Und
das ist filigrane Feinmechanikerarbeit. Die Karosse "klaut" der Konstrukteur
zum Beispiel aus einem Revell-Standardmodell-Bausatz, die dann auf ein Metall-Fahrgestell
befestigt wird.
Das Chassis kann man zum Beispiel aus einer Blechdose herstellen. Tatsächlich,
dieser Mini-Flitzer war mal eine Dose. Dabei entwickeln Semi-Profis wie Georg
Hoffmann Enthusiasmus. Der 42-Jährige hat sich von Porsche extra die Zusammensetzung
des originalen GT-1-Lacks der Rennserie besorgt und die Farbe dann für seinen
maßstabsgerechten Nachbau mixen lassen. Fertig lackiert sieht der Spielzeugporsche
aus wie sein wahres Vorbild, nur eben über 20 Mal kleiner.Das macht aber nix,
denn wer die Fahrleistungen dieser Taschenrenner umrechnet, dem wird schwindelig.
Also: Die Rennbahn ist in einem Maßstab 1:24 gebaut, das Carrera-Rennauto bringt
es auf der Geraden auf sage und schreibe wirkliche 25 Sachen, also Mofa-High-Speed
(unfrisiert). 24 mal 25 Stundenkilometer machen unglaubliche 600 km/h. Puhh
. . .
Wer braucht da noch Schumi und Co?Wer jetzt denkt, das ist doch alles Kindergeburtstag
oder Rennspaß für Arme, der hat noch nie den Steuerknüppel dieser Beschleunigungswunder
in der Hand gehabt. Gefahren wird mit Gleichstrom, bei den Heilbronnern auf
einer Spannbreite von Null bis 18 Ampère. Aber die Dinger kurven um die Ecke,
dass einem das Herz stehen bleiben will. Oder sie kurven nicht um die Ecke und
katapultieren sich in die Balustrade - fast wie im richtigen Leben.
Und in so einem Fall möchte dann zum Beispiel Georg Hoffmann fast weinen, wenn
etwa bei dem Unfall an seinem Plastik-GT-1 der Kotflügel abkracht.Die Heilbronner
Slot-Racer vom Rennbahncenter "Vollgas " gingen aus einer Clique von vier Kumpels
hervor, die Gleichgesinnte bei Slot-Races, die der Verband dieser Miniwelt veranstaltet,
kennen gelernt haben. Jetzt sind sie so ein Dutzend Jungs, "denn unser Hobby
ist immer noch eine Männerdomäne", gibt Ralf Niekrenz zu.
Frauen sind dennoch willkommen, wie überhaupt neue Mitglieder nicht unerwünscht
sind. Ob die lose Vereinigung aber jemals ein Verein wird, ist noch nicht raus.
Jetzt sind sie erstmal froh, dass sie in einem Nebengebäude auf dem Gelände
des Süddeutschen Eisenbahnmuseums ein erschwingliches Domizil gefunden haben.
Dort sind Gastfahrer für einen kleinen Obulus willkommen.
Aber ansonsten genügt sich das Vollgas-Team auch selbst.Epilog: Dass die Volle-Pulle-Fans
ausgerechnet im Eisenbahnmuseum unterkamen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Denn eigentlich werden Carrera-Freaks schon im Kindesalter zu Slot-Racers, weil
ihnen Modelleisenbahnen zu langsam fahren. Obwohl sie dem Modellbau und der
Technik durchaus etwas abgewinnen können. Übrigens: Der Rundenrekord der 32
Meter langen Vollgas-Strecke liegt bei 7,5 Sekunden.
23.11.2002
Rennbahncenter-Vollgas